Geschichte des Monats

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Diese Geschichten sind das Ergebnis eines Projekts mit meinem langjährigen Freund und Bühnenpartner Enno Kalisch.

 

Während Enno seine Geschichten spontan aufs Papier bringt und sie mir vorliest, zeichne ich Bilder, die mir durch den Kopf gehen.

Er nimmt die Zeichnungen und webt sie in seine Geschichte ein.

Durch den Verzicht auf Korrekturarbeiten an diesen Texten und Zeichnungen behalten die Geschichten ihre warme, skizzenhafte Erzählweise.

Spontaneität und Leichtigkeit bilden den Mittelpunkt dieses Spiels.

 

 

Viel Vergnügen beim Lesen!

 

 

 

 

Februar/März 2012

 

 

 

Adam

 

 

 

„ So viel Zeit wirst Du später nie wieder haben“.
Warum ihm dieser Satz seiner Mutter immer wieder in den Sinn kam, konnte er sich nicht abschließend erklären. Vielmehr sah er ein, dass es eine Art Code bleiben sollte, welcher ihn mal als bedrohliches Damoklesschwert, mal als stilles, vertrautes Flüstern über weite Strecken seines Lebens begleitete.

 

 

„Abwarten und Tee trinken“, hatte hingegen seine Großmutter einmal gesagt.
Diese Widersprüche sah er als Widersprüche des Lebens.

Manchmal hörte er sich selbst wie einen salbungsvollen Ratgeber reden, als sei es gar nicht sein Leben, sondern ein Nachschlagewerk, welches man sonntags zur Erbauung aufschlagen konnte, wenn einem danach war. Man würde sich einen Reim darauf machen, Besinnliches und Sinn stiftendes entnehmen und das Buch dann in tiefem Frieden mit sich selbst und der Welt zurück in das Regal stellen.

 

 

Nun war er aber als Mensch aus Fleisch und Blut geboren worden, und die Seiten seiner Tage schlugen sich chronologisch von einer zur nächsten auf und wieder zu. Sein Einband freilich war nicht mehr der Jüngste, sondern die neu aufgeschlagenen  Seiten Teil eines bald schon alternden Werkes.

 

 

Die wenigen Tage, an denen es sich trotz Job und Familie organisieren ließ, ein Fitnesscenter aufzusuchen, gingen inzwischen einigermaßen spurlos an ihm vorüber.
Aufbau, Aufbruch, Frühjahr. Sein Leben war bisher ein stetiges Wachstum gewesen an Taten, an Dingen, an Einsichten. Am Schlimmsten waren die Einsichten. Sein Blut hatte er inzwischen weiter gegeben, und es schien ihm heute so, als sei das ebenso mit allem passiert, was wächst und gedeiht.

 

 

Sein Sohn inszenierte inzwischen ohne ihn die Piratenschlachten auf dem Hüpfpferd aus Gummi und nahm seine Bären mit in Räuberhöhlen, in die er ihm nicht mehr folgen konnte.

 

 

Seine Tochter lernte ihre neuen Wörter inzwischen so schnell, dass er nicht mehr wusste, während welchem Telefonat oder an welchem Wochenende er sie nun genau zum ersten Mal gehört hatte.

 

Staub lag auf seiner Stereoanlage, ebenso auf seinen CDs, den alten Bluesplatten. Es hatte Sinn gemacht, die Putzfrau zu entlassen, die neben der Sauberkeit immer auch eine Vielzahl an Kratzern und Dellen auf den lieb gewonnenen Gegenständen hinterlassen hatte.

Tatsächlich mussten sie zudem sparen, und so bildete sich das Vierteljahr ohne Putzfrau über den Kratzern nach und nach undurchdringliche Schichten von Staub auf den Dingen im Väterzimmer, wie sie alle sein Büro nannten.
„So wenig Zeit werden wir hoffentlich nie wieder haben“.
Seine Mutter dort oben hätte gewiss gelächelt hier unten. Zu gern hatte er als Junge anderen die Worte im Mund herum gedreht. So frech und unbeherrscht er in der Schule war, so beliebt war er bei seinen guten Freunden, Im Fußballverein, in der Schulband gewesen. Die Schulband, es fiel ihm ein, dass sie „E.T.“ geheißen hatte. Wie der Außerirdische in dem Film. Die Erinnerung kam ihm heute wirklich außerirdischer vor, als die Band jemals gewesen sein konnte. Er selbst, der Rhythmusgitarrist dieser Band, die ihm heute vorkommt, als sei sie in der Aula der Schule eines völlig anderen Sterns aufgetreten.

 

 


Der jetzige Planet hieß Familie, und er war bewohnt von Wesen. Wesen, mit denen er sich zu arrangieren hatte, zumal er noch eine gefühlte Ewigkeit mit ihnen zurecht zu kommen hatte.
Die Herrscher auf diesem Planeten hießen Zeit und Gelegenheit und ließen  sich nur selten blicken. Diese Abwesenheit gab ihnen eine unendliche Macht.

 

 

Marie –
Das Buch der Lebensweisheiten öffnete sich ungefragt. Eine Frau in den Wechseljahren, auf der Elternebene reflektiert, liebevoll und tüchtig. Das mit den Wechseljahren konnte er nur vermuten oder unterstellen, denn das Thema Verhütung war für sie so in etwa so aktuell wie der Börsenindex für Leute ohne Aktien. Ein interessantes Thema zur sonntäglichen Erbauung, wenn nichts im TV lief.
Väterzimmer, Mütterzimmer, Kinderzimmer, Elternzimmer. Mutter im Himmel schmunzelte wieder, als er die Reihe in gewohnter Ironie fortführte. Elternzimmer, Elternmitkinderzimmer, Endzeitzimmer, Sterbezimmer, leeres Zimmer, Milchmannzimmer oder Postbotenzimmer.
Er fragte sich, warum er eigentlich keine Pornos mochte, auch wenn er die dort gezeigten Turnübungen zu vermissen glaubte. Marie... Zettel von ihr enthielten derzeit nur die Einkäufe für das nächste Wochenende.

Die Zettel. Was hatten sie sich einmal für Zettel geschrieben. Ihre papiernen Liebesbotschaften waren die Vorläufer der SMS gewesen. Auch sie kamen mit den reinen Worten aus, verfügten über allerlei eigene, verschwiegene Worte und Abkürzungen, die alles Schöne über die Maßen enthielten, mehr, als man je aufbrauchen zu können geglaubt hatte.

 

 

Er ging zur Tür des Väterzimmers, schloss sie von innen und setzte sich an seinen Schreibtisch. Nur noch gedämpft klangen die familiären Geräusche aus dem unteren Stockwerk in den still gewordenen Raum.
Navigationsraum, Kontrollzentrum, Tower of Power. Noch vor wenigen Wochen war sein Sohn nach dem Aufstehen und vor dem Frühstück mit einem Apfel zu ihm hoch gekommen. Morgenzeit war bereits Bürozeit, und je früher er aufstand, desto mehr schaffte er potenziell. Er hatte seinem Sohn dann Zaubertricks gezeigt auf seinem Laptop.
Lag es daran, dass es derzeit nicht so recht lief mit den Seminaren oder an dem Haus, das sie inzwischen fast auffraß mit den verfluchten Zinsen? So gern hätte er sich regelmäßig selbst belogen, was ihm aber nicht gelang.
Statt jetzt seine Homepage zu aktualisieren, setzte er sich also hin und suchte nach den Zetteln. Er war erstaunt, wie schnell und wie leicht er sie fand. Sie lagen gleich in der obersten Schublade, unter den Visitenkarten.
„Wäre ich ein Baum, ich würde davon träumen, Dein Holzbein zu sein“
Wieso lag da ein Zettel oben auf, den er selbst geschrieben hatte? Er hatte wohl vergessen, ihn abzuschicken. Ihm fiel wieder der Spruch seiner Großmutter ein. Oder vielmehr, dass er noch weiter ging.
„Abwarten und Tee trinken. Alles hat seine Zeit“

 

 

Er klappte den Laptop zu und ließ langsam Zettel für Zettel an seinen Augen vorbei ziehen. Ihm schien, wenn er gewollt hätte, hätte er sogar weinen können. Darauf achtet man als moderner Mann. Aber dazu gab es neuerdings vielleicht gar keinen Grund.

Durch die Vorküche, das unübersichtliche Gemengelange von unterschiedlich großen Schuhen, die teilweise ihr Pendant aus den Augen verloren haben, gehen langsam und leise ein paar wollene Herrensocken. Er schleicht. Schleicht an den Briefkasten. Es ist Morgen und die Kinder würden bald geweckt werden.

 

 

Als der Brief vom heimlichen Briefträger hinter die rostige Klappe eingeworfen ist, bleibt er stehen, draußen. Es regnet kühl, auch auf den von ihm in der Hand gehaltenen Apfel.
Im Briefkasten der Umschlag. Auf ihm steht „An mein Frauenzimmer“.
Absender:
Adam.